Als der Krieg zu Ende ging....

 

Vorbemerkung der Redaktion: In verschiedenen Ausgaben des „Schellemann" haben wir bisher einige Augenzeugenberichte über das Ende des 2. Weltkrieges in unserer Region veröffentlicht. Anlässlich der 60-jährigen Wiederkehr der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 08. Mai 1945 lassen wir noch einmal zwei Zeitzeugen zu Wort kommen, die den Einmarsch der Amerikaner in Hinzert und Deuselbach als Kinder im März 1945 bewusst miterlebt haben. Die gewiss subjektive Sicht der Ereignisse lässt die größeren Zusammenhänge des Zeitgeschehens notwendigerweise außer Acht und erhebt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wissenschaftliche Verifizierbarkeit, sie vermittelt aber trotzdem ein eindrucksvolles Stimmungsbild der kriegsmüden Landbevölkerung.

 

Das Kriegsende in Hinzert

aufgezeichnet von Hermann Arend nach Erinnerungen von Erwin Resch

 

Als die Geißel des Krieges in Hinzert ihr Ende fand, war Erwin Resch, der seit fast 40 Jahren in Hinterweidenthal in der Pfalz lebt, 10 Jahre alt.

Die letzten Monate des Völkermordens waren auch für die Hunsrücker Bevölkerung eine Zeit des Schreckens und der Angst. Ständig war das Dröhnen alliierter Bombergeschwader, die von wendigen Jabos begleitet wurden, zu hören. Sehr leicht konnte man zum Ziel der gefürchteten Jagdflugzeuge werden, die alle vermeintlichen deutschen Ressourcen zur weiteren Kriegsführung im Tiefflug konsequent angriffen und soweit als möglich vernichteten. Fliegerbomben hatten seit Ende 1944 Tod und Verderben über die Dörfer des Hochwaldes gebracht. So kamen an Silvester 1944 in Pölert 19 russische Kriegsgefangene ums Leben, in Beuren am 20. Februar 1945 eine Mutter mit ihren zwei Töchtern und in Hinzert am 14. März 12 Personen, als eine Bombe das Haus der Familie Diendorf, in dem auch eine Flüchtlingsfamilie einquartiert war, traf. Nur ein Säugling und der Vater überlebten das Inferno. Das kleine Kind wurde von seinem Vater im Rucksack ins Krankenhaus nach Hermeskeil gebracht und blieb am Leben.

Der 16. März 1945, ein Freitag, war ein sonnendurchfluteter Frühlingstag. In der Ferne war bisweilen das Donnern der Geschütze zu vernehmen.

Die Hinzerter Bürger verhielten sich ruhig und besonnen, obwohl Geschützlärm und das Kreisen der Jabos bedrohlich wirkten. Allein der Dorfschullehrer hatte sich wohl wegen seiner Funktion als Ortsgruppenleiter der NSDAP mit seinem Sohn aus dem Staub gemacht.

Das SS-Sonderlager/KZ Hinzert war schon vorher geräumt worden, was weit­gehend unbemerkt blieb. Das Lager war in den Wochen und Monaten davor schrittweise evakuiert und Anfang März endgültig aufgegeben worden.

Die Existenz des SS-Lagers war allen Bürgern Hinzerts und der Umgebung bewusst. Damals arbeiteten Häftlinge aus dem Lager bei den Bauern der Umgebung als landwirtschaftliche Hilfskräfte. Diese Außenkommandos wurden von der SS gegen ein geringes Entgelt zur Verfügung gestellt. Auch im Hause Resch war im Jahre 1944 ein Franzose als Zwangsarbeiter beschäftigt. Erwin Resch erinnert sich, dass die die Häftlinge begleitenden Wachmänner nicht nur sadistische Folterknechte waren, sondern ihre „Schutzbefohlenen" bisweilen  menschlich behandelten und die den Häftlingen von den Bauern zugesteckte begehrte Zusatznahrung durchweg akzeptierten.

Auch der brutale Lageralltag wurde manchmal von Gesten menschlicher Wärme begleitet.

Eine Tante Erwin Reschs, Susanne Wahlen, war mit weiteren Frauen aus Hinzert in der Küche des Mannschaftslagers beschäftigt und erwähnte einen Koch namens Klos aus Sobernheim und einen Zahnarzt namens Fenschel, die human mit den Häftlingen umgegangen sein sollen.


Susanne Wahlen schmuggelte wie ihre Arbeitskolleginnen auch Nachrichten der Häftlinge nach draußen - was strengstens verboten war - und sagte 1948 als Zeugin in einem Prozess gegen ehemalige SS-Leute und ihre Gehilfen vor einem französischen Militärgericht in Rastatt aus.

An diesem 16. März 1945 näherten sich gegen 16.00 Uhr aus Reinsfeld kommend ein amerikanischer Jeep, ein Panzerspähwagen und ausschwärmende Infanterie der Ortsmitte. Die Hinzerter hatten an der Kirche eine weiße Fahne gehisst, um Widerstandslosigkeit zu demonstrieren. Acht deutsche Sanitätssoldaten waren im Ort zurückgeblieben und gingen nun freiwillig in amerikanische Gefangenschaft, froh, weiteren Kampfhandlungen entronnen zu sein. Gleichzeitig mit Hinzert wurde Pölert besetzt.

Die geplante Einnahme Beurens am selben Tag scheiterte allerdings. Erwin Reschs Vater erzählte später, dass Beuren wegen des fehlgeschlagenen Einmarsches nur knapp einer Katastrophe entronnen sei. Als die Vorhut der Amerikaner langsam in diesen Ort einrückte, bemerkte sie, wie ein fanatischer Beurener Bürger die gehisste weiße Fahne am Kirchturm wieder einholte. Da die Amerikaner daher mit militärischem Widerstand rechneten, drehten sie wieder um und zogen sich zurück. Um das erwartete Bombardement des Ortes zu verhindern, machten sich der streitbare Beurener Pfarrer Fortuin und ein weiterer Beurener Bürger auf den Weg nach Hinzert zum zuständigen amerikanischen Kommandeur, um den Ort zu übergeben.

Da man den Abgesandten wegen des Vorfalls aber misstraute, sperrte man sie zunächst in einen Keller. Am nächsten Tag, dem 17. März, setzten die Amerikaner die beiden morgens als Geiseln und menschliche Schutzschilder auf den Führungspanzer und marschierten so in Beuren ein.

In Hinzert blieben die Amerikaner zwei bis drei Tage. Wegen der Einquartierungen mussten verschiedene Häuser geräumt werden. Auch die Familie Resch musste kurzzeitig ihr Haus verlassen, weil es angeblich in der Schusslinie lag. Bei einem Onkel fand man Unterkunft. Der amerikanische Befehlshaber verhängte umgehend eine Sperrstunde für die Zeit von 17.00 Uhr bis 8.00 Uhr, das Vieh durfte allerdings auch innerhalb der Sperrstunde versorgt werden. Diese Anordnungen wurden den Bürgern von der Hinzerter „Schellefrau" bekannt gemacht.

Die amerikanischen Soldaten verhielten sich während der Dauer der Einquartierung diszipliniert. Zwar wurden Lebensmittel von ihnen eingefordert, sonst wurde aber nichts angerührt und nichts beschädigt.

Im Hause des Onkels verlangten die Soldaten einmal Fett, um Pommes frites zu machen. Diese Art der Kartoffelzubereitung war hier bis dahin noch unbekannt und wurde in der Familie mit Erstaunen registriert. Die Amerikaner waren besonders dem Viez zugeneigt und leerten einige Krüge dieses Getränks. Als die Soldaten wieder abzogen, ließen sie Munition und Ausrüstungsgegenstände zurück, die von der Dorfjugend als willkommenes, aber gefährliches Spielzeug verwendet wurde. So gab es einen Todesfall in Beuren, als Kinder Gewehrmunition anzündeten und bei der Explosion der Bauch eines Jungen zerrissen wurde. Noch am selben Tag starb das Unfallopfer an den Folgen dieser Spielerei.

Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde das geräumte KZ Schauplatz materieller Begehrlichkeiten. Einwohner aus Hinzert und den umliegenden Dörfern nahmen aus den Baracken mit, was nicht niet- und nagelfest war. Hausrat wie Stühle, Tische etc., Gebrauchsgegenstände, Werkzeuge, Farbeimer u.a. wurden weggeschleppt und wanderten in den eigenen Hausstand. Kinder machten sich einen Spaß daraus, die Scheiben der Ba­racken einzuwerfen. So war es nicht ver­wunderlich, dass sich die einstige Stätte des Grauens bald in einem desolaten Zustand befand.

Erst mit der Übernahme durch die französische Militärverwaltung im Som­mer 1945 fand ein geordneter Ausverkauf der Baracken statt. Auch die Familie Resch erwarb Barackenteile, um daraus auf dem eigenen Hofgelände einen Schuppen zu zimmern.

Erwin Resch erinnert sich auch noch daran, wie im Frühjahr 1946 die exhu­mierten Opfer auf dem Gelände des ehemaligen Mannschaftslagers bestattet wurden.

 

Quelle: Der Schellemann – Zeitschrift des Kulturgeschichtlichen Vereins Hochwald e.V. – 18.Jahrgang – Nr. 18/2005