Das vergessene Kind von Pölert

Eine Geschichte aus der guten alten Zeit

von Renate Meyer

         

Pölert hatte - wie heute wieder - Anfang des Jahrhunderts zwar eine schöne kleine Kirche, aber keinen Pfarrer, den man im Dorf erreichen konnte. Stand eine Hochzeit, eine Beerdigung oder eine Taufe an, mussten die Pölerter nach Rascheid.

Kündigte sich nun eine Geburt an, dann wurden Nachbarn oder junge Burschen, eben solche, die Zeit hatten, zur Hebamme nach Geisfeld geschickt, um sie zu holen. Der Hinweg dauerte meist nicht sehr lange, aber der Rückweg zog sich hin. Denn man musste öfter mal Pause machen und den Durst löschen. Als sie dann in Pölert ankamen, hatten sie in unserem Falle vergessen, wann die Hebamme versprochen hatte vorbeizukommen, und das war sehr peinlich. Aber sie wussten, womit die Hebamme kommen würde, nämlich mit dem Zug.

Der Dorfvorsteher hatte ein Motorrad. Er erbot sich, zum Pölerter Bahnhof zu fahren und nachzufragen, wann der nächste Zug aus Geisfeld käme. Es war schon Abend, und der Bahnbeamtemeinte:

"Am nächsten Morgen". "Ist das nicht etwas spät?" fragte der Vorsteher. Aber die Nachbarin, die auf dem Motorrad mitgefahren war, beruhigte ihn: "Näh, et dauert noch lang. Et is dat Erste." 

Als der Vorsteher die Hebamme am nächsten Morgen von der Bahn abholte, war das Kind bereits seit einer Stunde da. Es war ein Mädchen, das erste Kind von jungen Leuten.

Der "Pat" war der Bruder des jungen Vaters und die "God" eine Freundin der Mutter.

Ziska - so hieß die Freundin - kam zusammen mit der Hebamme herein, weil sie noch das Vieh gefüttert hatte und fragte gleich: "Wie heischt dat Kind dann?"

"Lena"

"Lena? Näh dat man ich net. Wollt ihr dä Namen net ändern?"

"Näh? Dann sin ich nit God". 

Und Ziska zog beleidigt davon. So kam es, dass statt Ziska die Kätti God wurde, weil sie mit dem Namen zufrieden war.

Das Kind wurde gefüttert, bis unter die Arme fest gewickelt und in ein Kopfkissen gelegt, und dann ging`s nach Rascheid zum Pastor.

Im Sommer fand sich schnell ein kleines Grüppchen, das mit ging.Das Kind wanderte von Arm zu Arm, nur der Pat und die God durften es auf dem Hinweg nicht tragen, das würde Unglück bringen, sagte man.

Im Winter lag damals manches Mal so hoher Schnee, dass nur der Opa durch den Wald stapfte und dann gleichzeitig Opa und Pat war.

Aber unsere Geschichte spielte im Sommer, und die kleine Schar wanderte frohgemut über die schattigen Waldwege. Der Pastor empfing die jungen Leute, taufte das Kind auf den Namen Lena, und nach vollbrachter Tat kehrten sie in der nächsten Gaststätte ein. 

Der junge Vater war sehr spendabel, das ließ man sich nicht zweimal sagen. Das schreiende Bündel wurde auf der Ofenbank abgelegt. Und bald war der kleine Schreihals müde und schlief ein, während die Runde immer lauter und lustiger wurde.

Und dann wurde dem frisch gebackenen Vater das Geld knapp. Es reichte noch für zwei Flaschen Hochprozentigem, und dann stolperten die Taufgänger hinaus. Das Kind schlief selig auf der Ofenbank. Die Wirtin stellte die Stühle zusammen und entdeckte das Bündel. "Oh mei juse Petter. Die hann dat Kind leiegeloss!." 

Sie schnappte sich das jetzt schreiende Baby und rannte hinter der Gruppe her. Am Dorfausgang holte sie die Gruppe ein und drückte dem Nächststehenden das Kind in den Arm. 

Die jungen Leute wanderten weiter. Bald wurden sie müde und so durstig. Der Schnaps war bald alle. Das Baby wurde von Arm zu Arm gelegt. Und dann überquerten sie einen Bach. Auch hier konnte man seinen Durst löschen. Es schmeckte zwar nicht so gut, aber es war wunderbar kühl.

Und dann traf die Schar wieder im Dorf ein. Sie waren fröhlich, sangen Lieder und stürmten das Haus des jungen Vaters, denn jetzt gab`s wieder was zu trinken und zu essen.

Die Mutter lag im Bett, die Nachbarin versorgte sie alle.

"Und nun gevt mir dat Kind", rief sie energisch in den Lärm - "Dau hascht....."

"Näh, dau hascht....." 

Es wurde still. Betreten sahen sie sich an. "Oh Gott, mir hann dat Kind vergeß."

"Aber wo?" riefen alle durcheinander, und dann rannten der Vater, der sich sowieso nicht in die Nähe seiner Frau wagte, und sein Freund den Weg zurück.

Am Bach lag das Kind, unverletzt und friedlich schlafend.

Mittlerweile ist Lena selbst Großmutter, und die Geschichte ihrer Taufe hat sie bis heute nur teilweise erfahren.

In der Filialkirche Pölert findet sich merkwürdiger Weise kein Taufbecken, die Kinder mussten nach Rascheid zur Taufe gebracht werden, darauf bestanden die jeweiligen Pfarrherren.

Nach dem plötzlichen Tod des Pfarrers Hornschuch, der auch für Beuren, Rascheid und Geisfeld zuständig war, übernahm der Franziskaner P. Lutwin die Pfarrverwaltung der Seelsorgeeinheit. Er brach mit der alten Tradition und taufte tatsächlich im Frühsommer 2001 das erste Kind in der Filialkirche zu Pölert!

Ehen wurden allerdings in Pölert geschlossen, wenn die Brautleute dem Rascheider Pastor die üblichen Weg- und Messgebühren entrichtet hatten. Sollten bei einer Taufe doch nicht so hohen Gebühren wie bei einer Trauung für den "Här" abfallen?

Übrigens: Der Hohen Obrigkeit in Trier waren die Trinkgewohnheiten bei Taufen nicht unbekannt: Sie nannten sie "Schwelgereien". Offensichtlich gönnte sie den armen "Unterthanen" die kleinen Freuden des Alltags nicht, wie die nachfolgende Verordnung des Trierer Kurfürsten zeigt.

In der "Churfürstlich - gnädigste(n) Verordnungdie Abstellung von Schwelgereien bei Hochzeiten und Kindtaufenbetreffend" untersagte und geißelte der letzte Kurfürst Clemens Wenzeslaus 1784 die "eingerissenen verschiedenen Schwelgereien". Er legte bei "Zuwiderhandlung" gar eine Strafe von vier Goldgulden - ein kleines Vermögen - fest, von dem der Denunziant, der die "Schwelgerei" zur Anzeige brachte, die Hälfte bekam, der Rest ging in die Schatulle des Herrn Kurfürsten!

 

Viertens: Wird der unleidentliche Wisbrauch, dasß in gewissen Gegenden Unserer Kurlande, due Taufpathen sogargenötigt sind, die Nachbarsweiber in den Wirtshäusern zubewirten, wodurch dann geschehen, daß oft die neugebohrenen Kinder halbe Nächte lang in den Wirtshäusern liegen geblieben,als eine ungebührliche, und in allem Betracht ärgerliche Gewonheit, unter vier Goldgulden Strafe, so wie aller Dankwein, Geschenke und dergleichen, an durch abgestellet, hinführo abersoll die, allein auf den Tag der Kind-Taufe, bei Kindbetter zureichende geringe Ergötzlichkeit, nur mit Beiziehung höchstensvier Nachbarsweiber, auf Höften der Kindbetterin, nach der Kindtaufe in der selbsten Behausung, und nirgendwo anderstgehalten werden.