Anfänge der Gedenkarbeit im ehemaligen KZ Hinzert

nach Aufzeichnungen von Pastor Arnold Fortuin aus Beuren   

Willi Körtels:


Die letzten Tage der NS-Herrschaft

 

Als Pastor Fortuin am 4.1.1945 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Hinzert einen Gottesdienst für die infolge eines Bombenangriffs getöteten Bürger zelebrierte, war niemand von der Regierung und der NSDAP erschienen, vermerkt die Pfarrchronik von Beuren. Noch ist das „Tausendjährige Reich" an der Macht, aber die Verantwortlichen für dieses Geschehen lassen die Menschen im Stich, wenn sie nichts Ruhmreiches mehr feiern können. Pastor Fortuin mag an den biblischen Mietling gedacht haben, der seine Herde allein lässt, wenn Gefahr droht, als er diese Worte in die Pfarrchronik eintrug. Er wusste, wessen Geistes diese Regierung war, denn er war 1937 als Religionslehrer an der Berufsschule Bad Kreuznach wegen „regie­rungskritischer Aktivitäten", die er ge­meinsam mit seinem evangelischen Mitbruder unternommen hatte, entfernt worden. Pastor Fortuin hatte erlebt, wie die Nationalsozialisten die Sprache für sich vereinnahmten, wie sie den Kriegsgegner als Staatsfeind brandmarkten, Juden als minderwertige Rasse einstuften und kranke und behinderte Menschen mit dem Etikett „lebensunwert" herabminderten. Pastor Fortuin hatte die Konsequenzen solcher Umwertung der menschlichen Werte vor der eigenen Tür erlebt. Er erkannte den Zusammenhang der Ereignisse: nicht die Bomben der alliierten Flugzeuge waren ursächlich das Übel, sondern die men­schenverachtende Ideologie der NSDAP und deren Anhänger, die die Menschen auch im Hochwald in die Situation geführt hatten, dass unschuldige Menschen schwer verletzt worden waren oder sterben mussten.

Unter den Toten befanden sich ein Großvater und seine Enkelin aus Konen, die in Hinzert als Evakuierte lebten. Das Geschehen in Hinzert im Januar 1945 bestätigte Pastor Fortuin in seinem negativen Urteil über die Nationalsozialisten und lässt ihn den baldigen Zusammen­bruch des Regimes ahnen.

 

Paradigmenwechsel:

vom Hakenkreuz zum Kreuz Christi

 

Nach dem Ende der Kampfhandlungen im März 1945 dauert es nicht lange, bis Pastor Fortuin die öffentliche Auf­merksamkeit auf die Toten des Konzen­trationslagers Hinzert lenkt. Bereits am 8. Juli geleitet er eine Prozession von Hin­zert aus zum „einsamen Friedhof der Hinzerter Häftlinge". Dort errichtet er ein „Kreuz Christi". Damit bezweckt er zweierlei: Die Toten des Konzentrations­lagers werden für die Menschen der Hochwalddörfer zu einem Thema ge­macht. Offenbar hatte das Entsetzen über die Wirklichkeit des Lagers Berührungsängste mit dem ehemaligen KZ und den dort bestatteten Toten hervorgerufen. Außerdem schafft er eine religiöse Verbindung zur Deutung des Grauenhaften in nächster Nähe, der gewaltsame Tod Jesu am Kreuz hat sich im Leiden und Sterben der KZ-Häftlinge wiederholt. Mit dieser Handlung vollzieht Pastor Fortuin einen Paradigmen Wechsel in der Öffentlichkeit: An die Stelle des Hakenkreuzes, dem Symbol der Nationalsozialisten, errichtet er das Kreuz Jesu, das Barmherzigkeit, Mitleiden und Versöhnung bedeutet.

Aus diesem Geist hatte sich Pastor Fortuin bereits vor dem Zusammenbruch der KZ-Häftlinge angenommen. Dieses Ziel verfolgt er auch der Jugend gegen­über, die aufgrund der ideologischen Schulung in den HJ-Verbänden dem Glauben der Kirche entfremdet worden war. In Rascheid, einem Nachbarort, veranstaltet er deswegen am 16. Juni 1946 eine „Gottbekenntnisfeier", die von ca. 80 Prozent aller Jugendlichen angenommen wurde.

 

Ehrung der Ermordeten und Besinnung auf europäische Werte

 

Von Beuren aus wurde am 4. Novem­ber 1945 eine Prozession zum „Massen­grab der von der SS des Hinzerter Lagers erschossenen Luxemburger" im größeren Rahmen wiederholt. Etwa 800 Pilger waren seinem Aufruf zu einer „feierli­chen Totenehrung" gefolgt. Anwesend waren Persönlichkeiten der Regierung aus Paris und Luxemburg, die Angehöri­gen der Erschossenen, der Generalvikar des Bistums Trier in Vertretung des Erz­bischofs Bornewasser, der Luxemburger Domchor und eine Militärkapelle.

Flaggen aller europäischen Völker seien gehisst worden. Es fand ein Gelöbnis statt, dass alle Beteiligten an einer „besseren Welt im Geiste der Liebe und Versöhnung" arbeiten wollten. Danach hätten sich alle in den umliegenden Gast­häusern gestärkt. Professor Schmitt aus Luxemburg-Stadt und der Generalvikar aus Trier seien im Pfarrhaus Beuren bewirtet worden.

Pastor Fortuin nimmt auch künftig alle Aktivitäten im ehemaligen Konzentra­tionslager Hinzert in die Pfarrchronik auf: Am 13. Januar 1946 wurden ca. 50 Opfer des KZs Hinzert in Gegenwart hoher Vertreter der deutschen Behörden, der Militärregierung Frankreichs und der Regierung Luxemburgs auf dem neu errichteten Gedenkfriedhof beigesetzt.

Anlässlich der „Einsegnung aller nicht identifizierten Opfer aus Luxemburg zur Abfahrt in die Heimat" am 3. April 1946 waren die Särge in einer ausge­räumten Häftlingsbaracke aufgereiht worden. Neben dem Bericht über eine Kranzniederlegung an den Särgen hält die Pfarrchronik die Schlussworte des Geistlichen fest:

„Vor euren Särgen im Angesichte der Majestät des Todes erhebe ich beschwö­rend meine priesterlichen Hände: Wenn von dieser düsteren Stätte des Lagers einmal so viel Grauen und Trauer ausgegangen, dann möge heute und fürderhin von diesem Orte ausstrahlen ein anderer, ein neuer Geist weithin über alle Grenzpfähle, über alle Schranken und Barrieren bis zu den Toren eurer Heimat, ein neuer Geist, der Geist dessen, der sich für uns alle einen blutigen Erlösertod geopfert: Pax vobiscum - der Friede sei mit Euch!"

Im Anschluss einer weiteren Trauer­feier am 30. September 1947, an der neben zahlreichen in- und ausländischen Gästen auch Weihbischof Bernhard Stein von Trier teilgenommen habe, sei es allerdings zu einer eigenartigen Begeben­heit gekommen. Nach dem Ende der Reden seien die geladenen Gäste in eine Baracke des früheren KZs geführt wor­den, in der vierzehn inhaftierte SS-Leute des ehemaligen KZ-Lagers zu je drei und drei in den Zellen hinter Gitterstäben präsentiert worden waren, welches Pastor Fortuin mit dem Begriff „Sensationistik" abwertet. Und er bemerkt noch, dass sich ein Gefangener in Erwartung dieser „Schaustellung" am frühen Morgen erhängt hatte

 

Bau einer Gedächtniskapelle

 

Damit die Erinnerung an das verbrecherische Geschehen einen religiösen Raum erhält, ließ Pastor Fortuin zusam­men mit den Katholiken seiner Pfarrei in den Jahren 1947/48 „den unschuldig Gemordeten" eine Kapelle errichten, die er als Gedächtnis- und Versöhnungska­pelle versteht. Der Trierer Architekt Fritz Thoma entwarf den Plan. Am 4. Novem­ber 1948 wurde diese Kapelle in Gegen­wart des damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Peter Altmeyer, eines luxemburgischen Ministers und des französischen Generaldelegierten von Rheinland-Pfalz, Boislambert, von Domkapitular Kämmerer eingeweiht und un­ter den Schutz des Erzengels Michael gestellt. Der Morbacher Künstler Höfle schuf die Statue des hl. Michael. Im Jahre 1949 erhielt die Gedächtniskapelle eine Glocke. Am 9. Juli 1949 wurde in einem feierlichen Geleit von über 900 Pilgern in über 100 Kraftwagen von Luxemburg-Stadt über Wasserbillig und Trier die Holzplastik der Luxemburger „Trösterin der Betrübten" (Consolatrix) in die Ka­pelle im ehemaligen KZ Hinzert überführt. Pastor Fortuin als Ortspfarrer begrüßte die „Mutter der Barmherzigkeit", bevor sie unter den Klängen einer Musikkapelle am Eingang des früheren Häftlingslagers gesegnet worden war. Die Consolatrix-Statue stehe an diesem Ort am rechten Platz, weil die Erde hier geheiligt sei durch Schweiß und Blut der Treuesten, wo aus dem Mund so vieler Unglücklichen, Priester und Laien, aus qualvollem Heimweh und aus schlaflosen Nächten das Ave Maria zum Himmel stürzte, erläuterte der Geistliche die neue Anwesenheit des Luxemburger Gnaden­bildes. Der Luxemburger Minister für das Unterrichtswesen, Dr. Frieden, selbst ehemaliger Häftling, habe die düsteren Bilder der Vergangenheit noch einmal lebendig werden lassen, um anschließend den endgültigen letzten Sieg des Guten über alle Geister des Hasses und Verneinung zu verkünden. Heute ist die Gedächtniskapelle im Besitz des Landes Rheinland-Pfalz.

Jährlich im September wird im Rahmen des Hinzert-Gedenktages, der von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz organisiert wird, von ehemaligen Häftlingen aus Luxemburg und ihren Angehörigen ein Gottesdienst in der Kapelle gefeiert. Auch die Pfarr­gemeinde Beuren veranstaltet einmal im Jahr eine Wallfahrt zur Gedenkstätte KZ Hinzert, die mit einem Gottesdienst in der dortigen Gedächtniskapelle endet.

Wer war Pastor Arnold Fortuin ?

 

Pastor Arnold Fortuin wurde am 19. Oktober 1901 in Neunkirchen bei Türkismühle geboren. In St. Wendel legte er die Abiturprüfung ab. Am Priestersemi­nar in Trier absolvierte er die theologi­schen Studien und wurde am 31. Juli 1927 im Dom von Trier zum Priester geweiht. In der Pfarrei St. Michael in Saarbrücken und in Hönningen/Rhein war er bis 1933 Kaplan. Von 1933 bis 1937 war er Religionslehrer an der Berufsschule Bad Kreuznach und vom 17. Mai 1937 bis 1950 war er Pfarrer von Beuren. Seit Januar 1951 betreute er die Pfarrei Illingen und seit 1958 in der Funktion als Definitor des Dekanates Illingen. Am 23. September 1965 ernann­te ihn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Julius Döpfner, zum Seelsorger der Sinti und Roma in Deutschland. Für diese Tätigkeit erhielt er anlässlich einer Wallfahrt der Sinti und Roma nach Rom im Jahre 1967 eine päpstliche Urkunde. Er starb am 19. Juni 1970 in Illingen und wurde auf dem Friedhof seiner Heimatpfarrei Neunkirchen beerdigt.

 

Würdigung von Pastor Arnold Fortuin

 

Pastor Fortuins Wirken machte in ei­ner Zeit  weit  verbreiteter   praktischer Gottesferne den Unterschied von Gottes Geist und einer menschenverachtenden Ideologie deutlich. Er handelte sich des­wegen   berufliche   Nachteile  in Bad Kreuznach und Anfeindungen durch die Leitung des KZs Hinzert ein, die er nicht bedauerte. Menschen, die leiden und zu Unmenschen degradiert werden, war er nicht erst nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes zugetan. Er hatte bereits als Kaplan vor der Nazi-Zeit in Saarbrücken erste Kontakte zu Sinti und Roma. Er war auch den zu seiner Pfarrei gehö­renden KZ-Häftlingen nahe, was ihn in Konflikte mit der KZ-Leitung brachte. Deswe­gen war sein persönliches Engagement  in  der frühen Gedenkarbeit des ehemaligen KZs Hinzert nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes nicht Ausdruck opportunistischer Aktivität, sondern entsprach seiner an Christus orientierten Lebenslinie. Pastor Fortuins Leis­tung  hat  nicht   verhindern können, dass die Gesellschaft allgemein die Erinnerung an die NS-Zeit viele Jahrzehnte weitgehend verdrängte. Das gesellschaftliche Bewusstsein war lange Zeit von den Errungenschaften  des  so genannten Wirtschaftswunders bestimmt. Seit dem Ende der sechziger   Jahre    allerdings wurde wieder die unbewältigte NS-Vergangenheit the­matisiert. Dieser Prozess ist gegenwärtig noch nicht ab­geschlossen. Der ehemalige  deutsche Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker formulierte anlässlich des 40. Jahrestages zur Erinnerung an den 8. Mai 1945 im Jahre 1985 in diesem Anliegen: Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren. Pastor Fortuin hat in seiner Zeit ein Zeichen gesetzt, das heute noch als Vorbild dienen kann.

 

Quelle: Der Schellemann – Zeitschrift des Kulturgeschichtlichen Vereins Hochwald e.V. – 18.Jahrgang – Nr. 18/2005