Dokumentationszentrum SS-Sonderlager/KZ Hinzert

Rudolf Müller

 

Mit der Eröffnung der Begegnungsstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert am 10. Dezember 2005 hat der Raum Hermeskeil ein Dokumentationszentrum von landes­weiter Bedeutung erhalten. Neben der am 24. Mai 2004 eröffneten Dauerausstellung „Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz" im ehemaligen NS-Konzentrationslager Osthofen in Rheinhessen bietet sich nun das neue Haus bei Hinzert für die Information über und die Auseinandersetzung mit der schlimmsten Periode der jüngeren deutschen Geschichte an. Es ist darüber hinaus ein Ort des Gedenkens an die Opfer von staatlichem Terror und brutaler Gewalt. Diese Opfer waren sowohl Deutsche als auch Ausländer aus vielen besetzten Ländern, unter ihnen zahlreiche Luxemburger. Für das kleine Nachbarland Luxemburg hat Hinzert daher seit dem Zweiten Weltkrieg eine besondere historische Bedeutung gewonnen.

 

Das neu errichtete Gebäude, das die Begegnungsstätte aufnimmt, wird wohl noch für einige Zeit den Besuchern einen überraschenden, vielleicht sogar gewöhnungsbedürftigen Anblick bieten. Der Rohbau wurde komplett aus Cortenstahl gefertigt und stellt ein mutiges, experimentelles Bauwerk dar, das sicher nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der interessierten Öffentlichkeit für Diskussionen sorgen wird. Ein großes Panoramafenster gibt im Innern den Blick frei auf eine idyllische Hochwald-Landschaft - im Hintergrund allerdings von modernen Windkraftanlagen gestört -, die selbst nichts mehr von dem einst dort vorhandenen Lager verrät, das nach 1945 beinahe spurlos verschwand. So ist es der komplett neu konzipierten Dauerausstellung im Innern des Gebäudes vorbehalten, durch Texte, Fotos, Vitrinen und Filme das frühere SS-Sonderlager, seine Geschichte, seine Häftlinge und ihre Bewacher, das alltägliche Lagerleben und die im Lager verübten Schreckenstaten zu visualisieren. Auch die Zeit nach 1945, die Anlage des Friedhofs und der Gedenkstätte sowie die öffentliche Auseinandersetzung mit dem KZ Hinzert werden in der Ausstellung thematisiert. Eine Sammlung künstlerischer Zeugnisse ehemaliger Häftlinge verweist auf die menschlichen Schicksale, die sich im Lager abspielten

 

Das vom Saarbrücker Architektenbüro Wandel, Höfer, Lorch und Hirsch geplante Dokumentations- und Begeg­nungshaus an der Gedenkstätte des ehe­maligen SS-Sonderlagers Hinzert wurde bewusst als Architekturdenkmal entworfen und gedacht. Es soll schon in seiner äußeren Hülle und Gestalt die an diesem Ort erfahrbaren Verwerfungen der deut­schen Geschichte symbolisieren. Es sucht als Bauwerk die Auseinandersetzung mit der landschaftlichen Idylle ringsum und versteht sich auch als Bestandteil eines Rundganges auf dem ehemaligen Lager­gelände, zu dem der Ehrenfriedhof und die Kapelle mit dazu gehören. Neben der Dauerausstellung beherbergt das Haus noch Räume für Veranstaltungen, Seminare und Fachtagungen. Die Betreuung übernimmt eine bei der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz angestellte Historikerin. Die Bau- und Einrichtungskosten des Hauses in Höhe von rund 3,2 Mill. Euro teilten sich Land und Bund. Der offizielle Spatenstich fand am 18.9.2004 statt; das Richtfest wurde am 20.6.2005 gefeiert.

 

Das SS-Sonderlager Hinzert und seine Nachgeschichte

In den letzten Jahren ist die Geschichte des SS-Sonderlagers Hinzert während der Zeit des Zweiten Weltkrieges intensiv erforscht und vielfach dargestellt worden. (l) Entstanden 1939 als ein Polizeihaftlager zunächst für Westwallarbeiter, wurde das Lager Hinzert ab Mitte 1940 in das komplexe Lagersystem des SS-Staates eingegliedert und erfüllte außerdem Sonderfunktionen etwa bei Massenhinrichtungen von sowjetischen Kriegsgefangenen und von Angehörigen des luxemburgischen Widerstandes. Der Lageralltag in Hinzert gestaltete sich ähnlich menschenverachtend und brutal wie in einem „normalen" KZ; durch paramilitärischen Drill und Arbeitsterror sollten die Häftlinge gebrochen werden. Die Überfüllung des Lagers führte in Verbindung mit unzureichender Ernährung, mangelhafter Hygiene und schlechter medizinischer Versorgung zu hoher Sterblichkeit. Hinzert war für die Häftlinge ein Ort des unaufhörlichen Schreckens, der Erniedrigung und des willkürlichen Todes; für die Überlebenden wurde es zu einer lebenslang nachwirkende traumatische Erfahrung.

 

Nach dem Krieg wurde das verlassene Lager von der Bevölkerung ausgeplündert. Die französische Besatzungsmacht veranlasste die Errichtung eines Ehrenfriedhofs für die Opfer des Lagers. Die Luxemburger betteten ihre Toten bereits 1946 in heimische Erde um. Eine Sühnekapelle wurde 1948 auf dem ehemaligen Lagergelände gebaut. Doch trotz der Schwurgerichtsverfahren, die 1961 in Trier und München gegen verschiedene Angehörige der SS-Wachmannschaften des KZ Hinzert durchgeführt wurden, stand die Gedenkstätte lange Jahre im Schatten der öffentlichen Erinnerung auf deutscher Seite. Die offizielle Beschilderung wies den Ort lediglich als „Ehrenfriedhof aus. In den Dörfern der Umgebung wollte man nicht gerne an das ehemalige SS-Sonderlager Hinzert und das dort Geschehene gemahnt werden.

Dies änderte sich erst Anfang der 1980er Jahre, als eine öffentliche Auseinandersetzung um die „richtige" Benamung des Ortes begann. Zeitungsartikel und ein vom Südwestfunk produzierter Fernsehfilm belebten die Diskussion. Erstmals im November 1981 veranstaltete die Katholische Studierende Jugend (KSJ) von Trier unter Beteiligung der Jungsozialisten in der SPD einen Sternmarsch zur Gedenkstätte Hinzert. Auf Intervention des damaligen 2. Kreisdeputierten des Landkreises Trier-Saarburg, Edgar Christoffel aus Zerf, wurden 1982 neue Hinweisschilder mit der Aufschrift „Gedenkstätte" aufgestellt. Eine an der Kapelle angebrachte Gedenktafel erinnert nun an die Opfer. Der Trierer Regierungspräsident Schwetje lud zu einer offiziellen Gedenkfeier ein. Daraufhin entkrampfte sich die Öffentliche Debatte spürbar.

 

Das Jahr 1983 brachte sodann eine verbreiterte Aufklärung: Am 7. Februar 1983 hielt der damalige Direktor des Landeshauptarchivs in Koblenz, Prof. Dr. Franz-Josef Heyen, auf Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit einen viel beachteten Vortrag in Trier über das KZ Hinzert, der wenig später auch gedruckt vorlag.(2) Darin machte Heyen vor allem auf die große Bedeutung von Hinzert für Luxemburg aufmerksam und plädierte für die Vergabe eines Auftrags zur Errichtung eines Denkmals an den luxemburgischen Bildhauer Lucien Wercollier, der selbst Häftling in Hinzert gewesen war. Heyen bezeichnete die in Trier geführte öffentliche Diskussion darüber, ob Hinzert ein „richtiges" oder ob es „nur ein kleines KZ1' gewesen sei, als beschämend. Er führte auch aus, dass das Dorf Hinzert und seine Bewohner „diesen Teil der Geschichte ihrer Gemarkung tragen müssen"; niemand könne seine Vergangenheit ungeschehen machen. Heyens Vortrag gab für viele in Stadt und Region Trier erstmals eine historisch fundierte Einordnung des SS-Sonderlagers Hinzert. Im Jahre 1983 erschienen auch die beiden wichtigen Bücher von Eberhard Klopp und Edgar Christoffel zum Thema.^) Damit wurde der Boden für eine neue, vorurteilsfreie Sichtweise bereitet. So konnte im Oktober 1986 das von Lucien Wercollier geschaffene Denkmal auf dem Gelände der Gedenkstätte Hinzert enthüllt werden. Die Finanzierung hatten das Land Rheinland-Pfalz sowie der Landkreis Trier-Saarburg und die Kreis-Sparkasse übernommen.

 

Schließlich wurde 1992 die rheinland-pfälzische Landeszentrale für politische Bildung für die Gedenkstätten in Osthofen und Hinzert zuständig. Die Gedenkstättenarbeit erhielt einen herausgehobenen landespolitischen Stellenwert. Ein 1989 gegründeter Förderverein  Dokumentations- und Begegnungsstätte ehemaliges KZ Hinzert e.V. begleitete unter dem Vorsitz des Wittlicher Landtagsabgeordneten Dieter Burgard das Vorhaben zur Errichtung des jetzt geschaffenen Hauses, wenn auch zunächst mit einem anderen Entwurf. Wie Kulturminister Prof. Dr. Jürgen Zöllner anlässlich der Eröffnung der Dauerausstellung „Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz1' 2004 in Osthofen ausführte, ist seitens der Landesregierung für die Gedenkarbeit zum ehemaligen SS-Sonderlager/KZ Hinzert die Unterstützung der früheren Deportierten aus Luxemburg und Frankreich bei der Bereitstellung von Dokumenten und der Überlassung von Exponaten besonders wertvoll. Beide NS-Gedenkstätten — in Osthofen und in Hinzert — sind durch Landesgesetz gegen mögliche Aufmärsche, speziell von rechtsradikalen Gruppierungen besonders geschützt. Am jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus soll sich am 27. Januar 2006 - so die Planung - der rheinland-pfälzische Landtag in der neuen Begegnungsstätte in Hinzert versammeln.

 

Anmerkungen:

1) Vgl. vor allem den dreibändigen Sammellband „Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz", hrsg. von Hans-Georg Meyer und Hans Berkessel Mainz 2000/2001 (darin Aufsätze zum KZ Hinzert von Volker Schneider und Barbara Weiter-Matysiak);

2) Gabriele Lotfi, KZ der Gestapo. Arbeits­erziehungslager im Dritten Reich, Stuttgart 2000, bes. S. 58 ff.; Thomas Zuche (Hrsg.), StattFührer - Trier im Nationalsozialismus, 3. erw. Aufl. Trier 2005, S. 102 ff.

3) Veröffentlicht zunächst in der luxemburgischen Zeitschrift „Hemecht" (Nr. 2/1983), dann auch im Jahrbuch des Kreises Trier-Saarburg 1984, S. 346-366.

4) Eberhard Klopp, HINZERT - Kein rich­tiges KZ? Ein Beispiel unter 2000, Trier 1983; Edgar Christoffel, Der Weg durch die Nacht. Verfolgung und Widerstand im Trierer Land während der Zeit des Nationalsozialismus, Trier 1983, zu Hinzert S. 219 ff.

 

 Quelle: Der Schellemann – Zeitschrift des Kulturgeschichtlichen Vereins Hochwald e.V. – 18.Jahrgang – Nr. 18/2005

 

Konzentrationslager Hinzert

Gedenkstätte für die Häftlinge des Konzentrationslagers Hinzert
Umfriedete und terrassiert gestaltete Waldwiese anstelle des 1938 errichteten Lagers, das von 1940 bis 1945 Straflager, Durchgangs- und Sammellager war.
Zur Mitte angeordnet und von einem erhöht stehenden Steinkreuz und einem modernen Mahnmal an der Mittelachse überragt, befindet sich der Ehrenhain mit den Grabstellen hier Getöteter. Das Gräberfeld wird beidseitig von der Namenstafel der Opfer und von der Gedächtniskapelle gerahmt.
Die dem Erzengel Michael geweihte Kapelle wurde 1948 nach Plänen von Toni Schmidt (Trier) erbaut. Zweiachsiger, dreiseitig geschlossener Putzbau, der eine offene Vorhalle auf Pfeilern integriert. Das Innere mit holzverschalter Tonne; Kopie der Luxemburger Madonna (bez. LUC. WERCOLLIER, 1949) und Figur des Erzengels Michael (bez. R. Höfle 1948).
Die Gedenkstätte Hinzert hält die Erinnerung an das Konzentrationslager wach, in welchem zwischen 1940 und 1945 15-20.000 Männer gefangen gehalten wurden und über 300 Menschen getötet wurden, darunter 82 Luxemburger und 70 Russen, (s. auch Gemarkung Beuren).
Zum Bereich der Denkmalzone gehört neben der über dem Mannschaftslager errichteten Gedenkstätte auch das östlich angrenzende Wiesenland. Hier befand sich das eigentliche etwa 200 x 200 m große Häftlingslager. es ist eine Gedenktafel mit folgender Inschrift aufgestellt:
"In dieser Gedenkstätte ruhen über 200 der Opfer des SS-Sonderlagers bei Hinzert, allein 64 Nachbarn aus Luxemburg. In den Jahren 1940 bis 1945 verloren Menschen aus neun Nationen hier ihr Leben. Damals führte die nationalsozialistische Ideologie mit ihrem Rassen- und Nationalitätenwahn zur millionenfachen Verletzung der Würde und Rechte des Menschen in Deutschland und im unterworfenen Europa. Die Gräber der Geschundenen, Gepeinigten und Ermordeten müssen auch nach dem Verschwinden des Sonderlagers für immer eine Mahnung bleiben, damit das Opfer der hier Begrabenen nicht umsonst war. An diesem Ort sind die Bürger Europas aufgerufen, mit Gottes Hilfe und durch ihren persönlichen Einsatz für Menschenwürde und Menschenrechte die Grundlage von Freiheit und Frieden zu schaffen. Oktober 1982"

 

Quelle: http://region-trier.cms.rdts.de